Ich bin seit Geburt an dort.
Ich nicht. Aber "Amerika" hat in den letzten sechseinhalb Jahrzehnten natürlich einen starken Einfluss auf mich gehabt, der inzwischen mehr und mehr abflaut.
Möglicherweise bin ich der einzige hier, der President Kennedy mit eigenen Augen gesehen hat, auch wenn meine Mutter immer behauptete, dass ich die Schlammpfütze am Straßenrand deutlich interessanter fand. Aber sie erzählte auch, wie die Bürger Frankfurts mit kleinen Amerikafähnchen an der Hanauer Landstraße standen und winkten, und dann fuhr John F. vorbei und das war es auch schon. Ich will damit nur sagen, dass ich von Anfang an in einem USA-freundlichen (vielleicht sogar USA-liebenden) Umfeld aufgewachsen bin.
In den nächsten Jahren war alles an den USA cool. Ausnahmslos. Die Raumfahrt, die Autos, die Filme, die Musik, die Amis selber. So Sachen wie den Vietnamkrieg blendete mein kindliches Hirn einfach aus, und dann war er auch vorbei, bevor ich mir dazu eine Meinung bilden wollte. Oder Nixon, der Schuft, aber der sah ja sowieso komisch aus. Was die USA antrieb oder was hinter der Fassade des amerikanischen Traums steckte - mir doch egal, die Oberfläche war shiny genug, und ich hab nichts in Frage gestellt.
Das hat sich in den letzten 15 Jahren stark geändert. Heute sehe ich die US-Amerikaner als eine Bande von Nationalisten, denen schon als Kind die "Pledge of Allegiance" eingebläut wird, bis sie davon überzeugt sind, das die USA das einzige gute Land auf diesem Planeten sind. Dass es nur in den USA Freiheit gibt. Dass sowas wie eine Krankenversicherung Sozialismus ist. Dass das Maß aller Dinge Meilen und Füße sind. Mir ist völlig klar, dass das nicht unbedingt die Meinung aller Amerikaner ist, aber es ist halt auch keine Minderheit, die davon überzeugt ist.
Das war zunächst enttäuschend für mich, aber in Wirklichkeit sind es ja nicht die Amerikaner, die sich auf einmal so geändert haben. Die waren schon immer so. Amerikaner sind nun mal Amerikaner und keine Deutschen, Italiener oder Norweger. Das hatte ich nie so bedacht, ich dachte immer, die sind alle so wie ich. Bullshit. Nicht die sind komisch, sondern ich hab endlich mal was kapiert.
Ich habe überhaupt kein Problem mit Amis, aber ich strebe nicht an, einer zu sein. Ich will dorthin nicht auswandern und will da auch nicht leben. Ich will lieber ein Europäer sein und nicht darüber nachdenken müssen, wie ich irgendwas "great again" machen kann, weil es für mich hier in Europa schon great enough ist. Ich will da bleiben, wo nicht die Freiheit des Einzelnen die große Nummer ist, sondern die Freiheit der Gesellschaft, in der ich lebe. Sollen die Amerikaner das machen, was sie für richtig halten. Ich möchte lieber was Anderes.
Amerikaner sind Hohlköppe, behauptet das Internet. Das stimmt nicht im geringsten. Die sind die Typen mit den besten Betriebssystemen, und die sind die Typen, die um den Mond fliegen oder Fotos vom Pluto machen. Ich halte das jetzt nicht unbedingt für die herausragenden Fähigkeiten von Hohlköppen. Eher sind wir es hier in Europa, weil wir so lange auf unseren breiten Ärschen gesessen und lieber Windows benutzt haben als selber die besten Betriebssysteme zu bauen. Wird jetzt Zeit, dass wir das nachholen, und wer zwingt uns dazu? Die Amerikaner. Wir sollten ihnen dankbar sein.